Leipzig
1. Mai 2005
Solidarisch gegen
die herrschenden Zustände -
Nazis und Sozialabbau bekämpfen
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Erklärung der "Initiativgruppe 1. Mai" zum linken Block auf der Gewerkschaftsdemonstration und den Gegenaktivitäten zum Nazi-Aufmarsch am 1. Mai 2005

Unser Ansatz, sich am 1. Mai nicht außschließlich auf ein reines dezentrales Antifa-Konzept zu beschränken und stattdessen mit einem eigenen Block sich an der Demonstration der IG Metall zu beteiligen und das Vorgehen gegen die Nazis auf breitere Beine zu stellen, hat sich in mehrerlei Hinsicht als richtig erwiesen. Obwohl wir die Überwindung der Spaltungen in der Linken für eine Notwendigkeit halten, haben wir das "Judgement-Day"-Bündnis verlassen und ein weiteres ins Leben gerufen, weil aus unserer Sicht eine linke/linksradikale Position sowohl am 1. Mai als auch gegen das Erstarken der Nazis mehr anbieten muss als "Nazis raus". Verschieden Gründe haben unsere Mitwirkung in diesem Insider-Bündnis unsinnig gemacht. Vor allem vermißten wir die Bereitschaft, über die angeblich so unterschiedlichen Inhalte, das strategische Konzept und die Zielgruppe der Mobilisierung in eine politische Debatte zu treten und den 1. Mai als Gesamtkomplex zum Thema zu machen. Keineswegs wollen wir damit die Leistungen jenes Bündnisses in Sachen Mobilisierung und notwendiger Infrastruktur in Abrede stellen. Aber eine Anti-Nazi-Politik, die Identitätspolitik statt solidarischem Widerstand zu ihrer Grundlage macht und sich weigert, den Kampf gegen den Faschismus als eine soziale Auseinandersetzung zu begreifen, bietet langfristig keine Perspektive.

Aus unserer Sicht ist Antifaschismus ein Teil des Kampfes um die Verbesserung unserer Lebensbedingungen. Der 1. Mai ist für diesen Kampf ein besonders symbolträchtiger Tag, und wir sind nicht bereit, ihn den Nazis zu überlassen. Deshalb war das Ziel eines linken Blocks auf der ersten Mai-Demo, sowohl der rassistischen Sozialrächer-Attitüde der Nazis als auch der aktuellen, mit antisemitischen Tupfern versehenen Sozialdemagogie aus der SPD-Spitze eine solidarische, linke Option entgegen zu stellen, die die miese Lebenssituation des Großteils der Leute, die auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind (ja, das Proletariat!), auf die grundlegenden gesellschaftlichen Verhältnisse zurückführt.
Aus einer solchen inhaltlichen Bestärkung heraus lässt sich gleich viel besser Politik gegen die Nazis machen: eine Demo bringt immer Selbstvertrauen oder zumindest eine Einschätzung der eigenen Kräfte. Gleichzeitig bietet diese scheinbar so überkommene Aktionsform auch viel mehr Anschlußstellen für Un- oder unsportlich Organisierte, während Kleingruppenkonzepte eine Insider-Geschichte sind. Desweiteren widerspricht eine Auftaktdemo überhaupt nicht späteren dezentralen Aktionen, im Idealfall ist sie die bequemste, sicherste, massivste und politisch sinnvollste Art der Anreise an den Versammlungsort der Nazis.
So geschehen auch am 1. Mai: die Blockade am Hauptbahnhof kam zustande, weil der inzwischen auf mehr als 1000 Leute angeschwollene linke Block vor dem Augustusplatz abdrehte und die wenigen Bullen, die in Richtung Hauptbahnhof standen, überrumpelte.

Die Blockade am Hauptbahnhof war die radikalste Aktion gegen die Nazis, denn im Gegensatz zu allem was folgte, war hier der Plan, sie überhaupt nicht loslaufen zu lassen. Leider war einigen wenigen Leuten ihr Gewaltkult näher als ihr Verstand. Die Bullen in der Sekunde, bevor sie ihren ersten Durchbruchversuch starten, aus mittleren Reihen mit Flaschen zu belegen, hat Bewegung in die ersten Reihen gebracht, aber leider nach hinten. Die Konzentration verlagerte sich logischerweise vom Stehenbleiben auf die Angst, von hinten was an den Kopf zu bekommen; das psychologische Moment drehte sich zugunsten der Bullen, die auf einmal zurückschlugen statt der Aggressor zu sein. Und last but not least: die panische Flucht jener Werfer löste eine Massenflucht aus. So schnell wurde wohl noch nie ein Platz von mehreren Tausend Leuten geräumt. Von uns geht die Bitte an alle, mit Aktionsniveaus und der Gewaltfrage pragmatisch umzugehen, die Aktionsform vom momentanen Ziel und den Möglichkeiten abhängig zu machen und sich nicht durch moralisch überladene Vorstellungen und Selbststilisierungen leiten zu lassen. Die heldenhaften Streetfighter und die "gewaltfreien" Pazifisten und Bürger sind sich hinsichtlich ihres hochmoralischen Umgangs mit der "Gewaltfrage" manchmal ziemlich ähnlich...
Viel mehr gebracht hätte es, am Bahnhof nicht im schattigen Park abzuhängen, bis endlich mal was passiert, sondern z.B. mit Megafonen das Bilden von Ketten zu organisieren. Und wenn man dann schon mal am Wegrennen ist, kann eine Sitzblockade, wie vor der Post praktiziert und durch die "Apfelfront" initiiert, auch mal das beste Mittel sein, um Ruhe reinzubringen. Die fünfzig Meter von Post bis zur Kreuzung haben jedenfalls den Aufmarsch mehr verzögert als der Massensprint die dreihundert Meter davor (ca. 34 sec.). Und eine solche Blockade kann man eben nicht dem IG-Metall-Bus überlassen, der nämlich dazu aufrief, die linke Straßenseite zu blockieren, denn auf der rechten Straßenseite "können wir geräumt werden" - schließlich sollten da die Nazis entlang laufen. Die Verdrehungen und Beschwichtigungen der Gewerkschaftsfunktionäre sind aber nicht gleichzusetzen mit dem, was tausende andere Leute am Augustusplatz wollten, die überhaupt nicht damit einverstanden waren, den faschistischen Mob vorbeiziehen zu lassen. Hätten ein paar Linke dem IG-Metall-Lauti organisiert etwas entgegengesetzt, hätte der Augustusplatz auch eine Weile länger gestanden oder gesessen. Vielleicht könnte man ja auch mal wieder dazu übergehen, zu überlegen, ob entschlossene, aber massenwirksame Aktionen nicht wieder mal mehr Leute für die Linke begeistern könnten. Da die wenigsten als entschlossene Antifaschisten zur Welt kommen, muß man sich eben auch darum kümmern! Desweiteren muss man sich darüber im Klaren sein:

Ohne Massenmobilisierung gibt es auch keinen Raum für entschlossenere Aktionen.
Deshalb fordern wir alle Linken dazu auf, ihre Aktionsformen noch besser zu koordinieren als am 1. Mai. Die Liste der Naziaufmärsche, die durch ein Zusammenspiel entschlossenen Widerstands und Massenmobilisierung gestoppt worden sind, ist lang. Deshalb wollen wir, wie einst im Mai 1998, das BGR und andere linke Gruppen wieder am Augustusplatz treffen - bei der Mobilisierung von Gewerkschaftsdemonstranten.
Die inhaltlichen Differenzen innerhalb der Linken mögen groß sein, viel größer sind aber unsere gemeinsamen sozialen Interessen und politischen Anliegen. Am 1. Mai hat man es wieder gesehen: Trotz mangelhafter Zusammenarbeit haben wir doch zusammen ein wichtiges Ziel erreicht und die Nazis gestoppt.

"Hundert Beulen hat mein Helm, eine ist vielleicht vom Feind." (vermutlich Bertolt Brecht)

Initiativgruppe 1. Mai

PS: Wer mit uns Hartz und NPD stoppen, Kriege verhindern und das Ende der Lohnabhängigkeit erreichen will, erreicht uns unter

erster-mai [at] leipzig-gegen-krieg.de